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"SEI NICHT SO SCHÜCHTERN" – DANKE, SIE HABEN MICH GEHEILT

Der Schnee knirscht unter meinen Schuhsohlen und peitscht mir ins Gesicht. Meine Brille ist klatschnass, ich kann kaum noch was sehen. Und meine Finger? Die spüre ich schon seit fünf Minuten nicht mehr.
Hildesheim. -2 Grad. Das war vorgestern. Und richtig, ich bin spazieren gegangen. Als ich wieder zu Hause war, musste ich meine Haare föhnen. Während ich aber durch meine Straße gestapft bin im Schnee, kam mir der Gedanke wie viele Jahre ich jeden Morgen um 7 Uhr bei jedem Wetter das Haus verlassen hatte. Auch bei solchem. An unserer Bushaltestelle standen so viele Kinder jeden Morgen und haben auf die drei Busse gewartet, auf dessen Gängen man aufpassen musste, nicht hinzufallen, in denen die Brille sofort im Winter beschlug, wenn man einstieg. Dieses Jahr ist es drei Jahre her, seit ich mich zum letzten Mal morgens um 7 auf den Weg zur Bushaltestelle gemacht habe.
Und ich vermisse es kein Stück.
Ich vermisse es nicht, dass mein Leben damals nur aus acht Stunden Schule und denselben Menschen fünf Tage die Woche bestand. Ich vermisse es nicht, die immer gleichen Grüppchen an Schülern zu sehen: Die Bonzen, die Partygänger, die Schwänzer, die It-Girls, die Streber, die Grauen Mäuse, die Freaks. Ich vermisse es nicht, fremde Erwachsene über mich und meine Intelligenz urteilen lassen zu müssen. Ich vermisse es nicht, bei jeder Notenbesprechung Jahr um Jahr ein und denselben Satz hören zu müssen: „Kimberly, deine mündliche Mitarbeit lässt sehr zu wünschen übrig. Du musst dich mehr melden. Sei doch nicht so schüchtern.“
Danke, Sie haben mich geheilt!
Als wäre es ein Zeichen meiner Intelligenz gewesen, wenn ich zu jedem noch so für mich uninteressanten Thema etwas noch so unbedeutendes gesagt hätte. Als würde mich jedes Thema interessieren. Als wäre die Qualität von dem, was ich drei Mal die Stunde gesagt hätte, um im Mündlichen die Note Drei zu bekommen, von Belang gewesen. Als könnte ein fremder Mensch, der mich persönlich überhaupt nicht kennt, für den ich bloß ein weiterer Schüler bin, den er zu beurteilen hat, meine Art und Einstellung verändern indem er sagt „Sei doch nicht so schüchtern“.

 

Nein, ich vermisse die Schulzeit selbst nach fast drei Jahren immer noch um kein Stück. Das Schulsystem am wenigsten. Es hat Schüler wie Lehrer zu ständig urteilenden Menschen gemacht. Sicher nicht jeden und viele meiner Lehrer haben es mit mir gut gemeint und sind auch auf meine Ansichten eingegangen. Aber durch das Schulsystem lernen sie und dadurch auch die Schüler in Schubladen, Tabellen und Zahlen zu denken. Melde dich so und so oft in einer Unterrichtsstunde, dann bekommst du die Note Zwei. Erreiche so und so viele Punkte im Mathe-Test und du bekommst die Note Drei. Hast du so und so viele Vieren in deinem Zeugnis, dann kannst du nicht so schlau sein wie das Mädchen, was immer in der ersten Reihe sitzt und einen Schnitt von 1,0 hat.
Ich bin froh, nicht mehr zur Schule gehen zu müssen. Ich bin froh, seitdem schon etwas – aber leider immer noch nicht ganz – aus meinem Schubladen-Denken herausgekommen zu sein. Ich bin froh, seitdem tatsächlich eifriger und offener geworden zu sein, was sich alle meine Lehrer immer von mir gewünscht hatten. Das hat jedoch ohne sie geklappt, vielleicht haben sie mich so von sich geheilt.

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